Barbara Betty Schwarzhaupt wurde am 03. Mai 1873 in München geboren. Ihre Eltern waren Gustav Mandelbaum (1846 bis 1917), ein Fabrikant in München, und Berta Mandelbaum, geborene Midas. Berta kam 1850 zur Welt und starb Ende 1919 in Regensburg. Möglicherweise ist sie nach dem Tod von Bettys Mann 1919 zu ihrer Tochter gezogen.
Eine von Bettys Schwestern, Emma Mandelbaum, die am 02. Februar 1875 in München geboren wurde, heiratete den Bruder von Bettys Ehemann Salomon, Karl Schwarzhaupt, der 1866 zur Welt kam. Sie betrieben gemeinsam in Straubing in bester Lage auf dem Ludwigsplatz die Filiale der „Vereinigtes Kaufhaus AG“ der Kaufmannsfamilie Schwarzhaupt aus Regensburg. Sie wollten nicht auswandern. Emma wurde am 18. Juni 1942 gemeinsam mit ihrem Mann Karl ins KZ Theresienstadt deportiert. Dort wurde ihr Mann am 20. Januar 1943 ermordet, sie am 08.03.1944.
Im August 2008 wurden in Straubing Stolpersteine für die beiden an ihrem Wohnhaus Obere Bachstraße 12 verlegt.


Andere Geschwister von Betty waren:
Ida Mandelbaum, die am 12. Juli 1877 zur Welt kam und bereits im ersten Lebensjahr starb.
Hugo, der am 24. November 1880 in München zur Welt kam und am 03. November 1920 in Regensburg starb.
Guido, der am 04. Januar 1883 in München zur Welt kam und 1934 in Regensburg starb, und
Josef Mandelbaum, der am 29. Januar 1879 in München geboren wurde. Er heiratete in zweiter Ehe am 22. März 1920 Irma Einstein, die am 21.Juli 1895 in Fellheim zur Welt kam. Josef und Irma wurden am 21 November 1941 nach Kaunas deportiert und dort am 25 November 1941 ermordet.
Die Familie Mandelbaum betrieb in der Klenzestraße 57 in München eine Warenagentur für Leder, Treibriemen und Polstermaterialien. Das Haus gehörte der Familie. Bettys Vater Gustav starb 1917. Miteigentümer des Hauses wurde Bettys Bruder Josef, der am 07 Februar 1918 dort einzog. Mitte der 20er Jahre wurde das Haus verkauft.
Betty Schwarzhaupt war etwa seit 1893 mit Salomon Schwarzhaupt verheiratet und lebte seitdem in Regensburg. Salomon kam am 16. März 1865 zur Welt. Er hatte sieben Geschwister.
Betty und Salomon hatten zwei Kinder, Heiner (Heinrich), der am 27. August 1900 geboren wurde und am 28. Februar 1980 in Argentinien starb, und Rosa Rachel (Rosel), die am 02. November 1894 geboren wurde und am 05. Mai 1985 in New Jersey starb.
Die Eltern von Salomon waren Emanuel Schwarzhaupt und seine Frau Babette, geborene Springer. Emanuel stammte aus einer Regensburger Kaufmannsfamilie. Im Zentrum von Regensburg gründeten Emanuel und Babette 1904 ein Kaufhaus – ein mehr als nur stattlich zu nennender Gebäudekomplex im Geviert zwischen Watmarkt und Goliathstraße.Emanuel und Babette starben kurz hintereinander im Jahre 1905.
Bettys Mann Salomon übernahm mit seinen sechs anderen Geschwistern die Geschäfte. Salomon starb bereits am 18. Februar 1919. Betty übernahm seinen Anteil an den Geschäften und die Leitung der Kaufhäuser.
Verfolgung und Arisierung
Einschneidend für alle jüdischen Einwohner der Stadt und natürlich auch für die Schwarzhaupts war 1933 die Machtergreifung der Nationalsozialisten. Ab sofort war jüdischen Firmen jegliche Werbung untersagt, Boykottaufrufe gehörten zum Alltag. Wer dennoch die bedeutende Auswahl erstklassiger Qualitätswaren zu billigsten Preisen bevorzugte, riskierte Schmähung und Denunziation. Im Sommer 1935 wurde zu diesem Zweck in der Zeitschrift „Die Ostmark“ eine dreiseitige Boykottliste gedruckt. Seit August 1935 wurden jüdische Geschäftsleute von Seiten der Stadt nicht länger bei öffentlichen Aufträgen berücksichtigt.
Der Vernichtungsfeldzug gegen die jüdischen Mitbürger hatte eine Vorlaufzeit, in der sukzessive sämtliche Gesetze dem nationalsozialistischen Gedanken-Wahn angepasst und mit Verboten aufgerüstet wurden. Im Herbst 1934 hieß es im Vorspann zu dem neu erlassenen Steueranpassungsgesetz: „Die Steuergesetze sind nach nationalsozialistischer Weltanschauung auszulegen.“ Entsprechend wurde in einem Rundschreiben von 1936 die sog. „Reichsfluchtsteuer“ festgelegt: sie reichte von einem Drittel (ab 100.000 RM) des aktuellen Gesamtvermögens bis hin zu drei Vierteln (ab 500.000 RM). Damit gab sich der NS-Staat noch nicht zufrieden. Alle „Verkaufs“-Erlöse aus zwangsweise „arisiertem“, gemeint “entjudetem“ Besitz, so die offiziellen Formeln, mussten auf ein Sperrkonto bei der Deutschen Golddiskontbank einbezahlt werden. Bei Umtausch in Devisen oder Transfer ins Ausland erhob die Bank deftige Abschläge: ab Juni 1935 horrende 68 Prozent, ab September 1939 wahnwitzige 95 Prozent.
Arisierung der Schwarzhaupt Villa
Auch die in Regensburg überaus bekannte Familie der Kaufhausbesitzer Schwarzhaupt kam schnell ins Visier der Nazigranden. Besonders die überaus repräsentative Villa der jüdischen Familie in der Klarenangerstraße, wie die D.-Martin-Luther-Straße bis 1933 hieß, weckte die Begierde der NSDAP. Der renommierte Architekt Heinrich von Hügel (der u.a. auch den Bahnhof in Regensburg, das Theater in Franzensbad, das Casino von Bad Kissingen und das Münchener Zeughaus erbaute) hatte die spätklassizistische Villa mit ihren Palladio-Anklängen 1868/69 entworfen.

Schwarzhaupt-Villa
in Regensburg 1942
Der eindrucksvolle Bau passte in den Augen der Regensburger NSDAP-Parteiführer bestens zu den megalomanen Plänen, die man umgehend aus der Tasche holte – die Kreishauptstadt Regensburg brauchte unbedingt eine würdige und gewaltige „Parteiburg“. Kurzerhand wurde die Schwarzhaupt-Villa „zwangsarisiert“, wobei die Stadt Regensburg gut die Hälfte des alles andere als freiwillig zustande gekommenen Kaufpreises von 61.500 Reichsmark übernahm. Im Herbst 1935 gehörte die Villa dem „Ostmark-Bauverein“, und Gauleitung und NSDAP Geschäftsstelle zogen ein.
Arisierung der Schwarzhaupt Geschäfte
Nach der Reichspogromnacht ging es an die „Entjudung“ des Modehauses Betty Schwarzhaupt (die nach dem Tod ihres Mannes die Kaufhäuser übernommen hatte), zwei große Gebäude in bester Lage: „Watmarkt 1, Warenhaus mit Läden, elektrischer Personen- und Warenaufzug, 0,032 ha (2 Kellergeschosse, 4 Verkaufsgeschosse, 2 Dachgeschosse, welche als Wohnungen benützt werden)“ und „Watmarkt 3, Wohnhaus mit Läden, 0,029 ha (Verkaufsräume, an der Front Watmarkt Ladenräume, die übrigen Stockwerke enthalten Wohnungen).“
Beide Gebäude gingen an den Münchner Kaufmann Ludwig Hafner, der Mieter im Watmarkt war und obendrein auch noch das von Emanuel Schwarzhaupt gegründete Straubinger Unternehmen für Mode-Manufaktur, Weißwaren und Damen-Konfektion „übernahm“. Den Regensburger Verkaufsvertrag vom 16. Januar 1939 heute zu lesen, hinterlässt einen mehr als bitteren Nachgeschmack. Der Verkaufspreis für beide Gebäude am Watmarkt betrug 250.000 RM, da ein vom 16. Januar 1939 datiertes und als Bestandteil des Kaufvertrages aufgenommenes „Technisches Gutachten“ 120.000 RM für die Behebung diverser Mängel vom Verkehrswert abgezogen hatte. Obendrein war zuletzt auch noch die „Judenvermögensabgabe“ in Höhe von 91.000 RM fällig.
Im Gutachten des Bausachverständigen Oberberger, basierend auf einer Besichtigung im Mai 1938, heißt es unter anderem: „Die Fußböden des Erd- und Obergeschosses in den Verkaufsräumen Watmarkt 1 und 3 sind vollkommen erneuerungsbedürftig. Um die jetzigen Räume weiter als Verkaufsräume benutzen zu können, ist der Einbau eines abgeschlossenen Treppenhauses notwendig, außerdem die Verbreiterung des Haupteinganges, der Umbau der Aufzuganlage und der gesamten elektrischen Licht- und Kraftanlage unter Verputz und die Einbauung einer Notbeleuchtungsanlage. Sämtliche Fenster in beiden Gebäuden sind neu zu verkitten, zu streichen, desgleichen die Türen samt Erneuerung der Türschlösser. Sämtliche Räume der Verkaufsabteilungen sowie der Treppenhäuser, Lichthöfe, einschließlich der Kellerräume sind von dem jetzigen Zustande auf das gründlichste zu reinigen und neu den Vorschriften entsprechen zu tünchen. Desgleichen sind die Fassadenflächen vollkommen zu erneuern, die Türen und Fenster in gleicher Weise zu streichen, sämtliche Blechabdeckungen und Dachflächen usw. auszubessern und der Turm nach behördlicher Maßnahme abzutragen. Die Augenscheinnahme zeigte, dass in den Haupt- wie in den Nebenräumen seit der Erbauung nicht der geringste Bauunterhalt gepflogen wurde. (…) Bei der Feststellung der Summe ist die Geschäftslage der beiden Gebäude voll berücksichtigt.“
Am 3. April 1939 brachte die Stadt Regensburg weitere Einwendungen vor. Frau Schwarzhaupt solle auf ihre Kosten „bis spätestens 1. Mai 1939 den schlechten baulichen Zustand“ ihres Anwesens beheben. Außerdem habe sie „den seinerzeit errichteten, das alte Stadtbild auf das gröblichste verunstaltenden Turm entfernen zu lassen“. Im Weigerungsfall sehe sich die Stadt veranlasst, „die Beseitigung des unhaltbaren … Zustandes auf gerichtlichem Wege zu erzwingen“. In einem internen Gutachten wurde ein Grad der Verwahrlosung gerügt, wie er „nur von Juden bekannt“ sei.
Als sich der Rechtsvertreter der Familie Schwarzhaupt, Karl Jakob Michael – der nach dem Berufsverbot für jüdische Rechtsanwälte vom 30. November 1938 zum „Konsulent“ herabgestuft wurde, was hieß, dass er vor Gericht keine Robe tragen durfte, statt dessen sichtbar den Judenstern tragen musste, nicht bei Strafsachen verteidigen konnte und stolze siebzig Prozent seiner Einkünfte an den Fiskus abführen musste – später beim Oberfinanzpräsidium Nürnberg nach dem Verbleib des „arisierten“ Vermögens der Familie Schwarzhaupt erkundigte, bekam er am 10. März 1942 folgenden lakonischen Bescheid: „Das Vermögen der genannten ausgewanderten Juden ist, weil sie durch die Auswanderung die deutsche Staatsangehörigkeit verloren haben, zweifellos dem Reich verfallen.“
Flucht und Emigration
Im Rückblick steht außer Frage, dass Betty Schwarzhaupts Sohn Heiner und seine Frau Lorle, geborene Löwenthal, ihr eigenes und das Leben ihrer drei Töchter retteten, als sie im Juli 1938, also schon vor dem Zwangsverkauf der Häuser am Watmarkt, nach Palästina auswanderten, von wo aus sie mit dem Dampfschiff nach Argentinien fuhren, um sich eine neue Bleibe in Buenos Aires zu suchen. Zunächst nahmen sie nur Eva mit, ihre älteste Tochter, damals elf Jahre alt. Als die Familie dort eine neue Unterkunft gefunden hatte, konnten im Februar 1939 auch die siebenjährige Irma und die zweijährige Ruth in der Obhut ihrer Tante Rosa Rachel (Rosel), verheiratete Frank, Heiners Schwester, nachkommen. Rosa selbst kehrte wieder nach Deutschland zu ihrem Mann (siehe Artikel Familie Frank).

Familie Julius und Rosel Frank 1928
Bei zwei Besuchen in München wohnte Betty Schwarzhaupt in der Pension Daser in der Martiusstraße 8, das erste Mal von 09. Oktober 1939 bis 13. Oktober 1939, ein weiteres Mal von 17. Februar 1940 bis 18. März 1940. Dort lebten zu dieser Zeit in der Wohnung von Clarissa Haimann ihre Tochter Rosa Rachel, ihr Schwiegersohn Dr. Julius Jakob Frank und seine Mutter, Pauline Frank. Betty könnte in München ihre Emigration nach Argentinien und die ihrer Tochter und ihres Schwiegersohnes in die USA vorbereitet haben und, mit der Ungewissheit, ob und wann man sich wieder sähe, Abschied von ihren Münchner Verwandten genommen haben. Julius Frank gelang zusammen mit seiner Frau Rosa und den Kindern im April 1940 die Emigration von München nach New York.
Betty Schwarzhaupt gelang der Weg ins Exil zur Familie ihres Sohnes noch überraschend spät, nämlich im November 1940 über Madrid und Bilbao, dann weiter über den Atlantik nach Buenos Aires. Sie starb am 22. Juni 1951 in Beccar, Argentinien.
Die nächsten Generationen
Betty Schwarzhaupts Sohn Heiner – der einstige Jahn-Fußballer und Bayer mit stattlicher Bierkrugsammlung und einer Vorliebe für Lederhosen und Marschmusik, sprach in Buenos Aires im Kreise seiner Familie immer Deutsch. Auch seine Tochter Eva, verehelichte Rodriguez, blieb der deutschen Sprache „treu“, wenngleich die Fahrt ins Exil, die bitteren Erfahrungen unter der Nazi-Herrschaft und der Verlust der Orte, an denen sie aufgewachsen war und denen sie sich zugehörig fühlte, einen harschen Schlussstrich unter ihre Kindheit gesetzt hatten.
Eva Schwarzhaupt, die Enkelin von Betty, war Opernsängerin, parallel dazu arbeitete sie von 1960 bis 1987 als Regieassistentin und Dozentin für deutsche Sprache und deutsche Phonetik am Teatro Colón in Buenos Aires. 1982 engagierte man sie als Professorin für deutsche Sprache und Phonetik an der privaten Hochschule Universidad del Museo Social Argentino. Ab 1988 war sie Dozentin an der Universidad Católica de Buenos Aires.

Eva Schwarzhaupt,
Enkelin von Betty
Nach ihrer Aussage hat den Grundstein für diese Musikleidenschaft und diese Karriere ihre Großmutter Betty gelegt, von der sie sagte: „Großmutter war mein Schutzengel, der beste Mensch von der Welt.“ Eva Schwarzhaupt wurde 76 Jahre alt und starb 2003 in Buenos Aires.
Ihre Enkelin Irma, 1931 geboren, lebt, 94jährig, in New York, USA. Und Irmas Tochter Claudia Gross (Bettys Urenkelin) lebt in Philadelphia, USA.
IHK Regensburg, Gedenkbuch Münchner Juden, Genis, Hausbuch Martiusstrasse 8 (Münchner Stadtarchiv)