Familie Geißmar

Geißmar Jakob und Elisabeth, geb. Hirsch

01. November 1868 – 17. November 1943
ca. 1939

13. Februar 1880 – Ende 1944
ca. 1939

Elisabeth Mathilde Geißmar wurde am 13. Februar 1880 in Mannheim geboren. Ihre Eltern waren Louis Hirsch, Kaufmann in Mannheim, und Emilie, geb. Mayer. Elisabeth Geißmar besuchte die Höhere Mädchenschule und das Großherzogliche Institut in Mannheim.

Dr. jur. Jakob Geißmar, Landgerichtsdirektor, wurde am 01. November 1868 in Mannheim geboren. Seine Eltern waren Dr. jur. Josef Geißmar, ein bekannter Rechtsanwalt in Mannheim, und Clara, geborene Regensburger. Die Familie Geißmar war eine wohl situierte, bürgerliche Familie aus Mannheim, in ihrem Denken wahrscheinlich sehr deutsch und nationalliberal. Dem Vater galten Goethe und Bismarck als „sein Heiligstes“, wie es in einem Nachruf in einer Mannheimer Zeitung hieß (1900).

Jakobs Großvater, David Jakob Geißmar, war Bezirksrabbiner in Sinsheim gewesen. Jakob selbst war, als er in Heidelberg lebte, Mitglied der evangelischen Heiliggeist-Gemeinde. Jakob Geißmar machte 1887 am großherzoglichen Gymnasium in Mannheim das Abitur und studierte, nachdem er den einjährigen Militärdienst absolviert hatte, in Heidelberg Jura. Seine berufliche Laufbahn begann am Amtsgericht in Engen und führte ihn schließlich nach Heidelberg, wo er am Landgericht ab 1905 als Landgerichtsrat, später als Direktor tätig war (meistens als Vorsitzender der Kammer für Handelssachen). Am 04. August 1903 heirateten Elisabeth und Jakob in Heidelberg. Sie hatten zwei Kinder, Martha Klara Emilie, geboren am 30. April 1905 in Heidelberg, und Else, geboren am 17. April 1908 in Heidelberg. 1933 wurde Jakob Geißmar zwangspensioniert. 

Richter am Landgericht Heidelberg, vorne links Jakob Geißmar

Richter am Landgericht Heidelberg, vorne links Jakob Geißmar

Er zog mit seiner Ehefrau am 15. September 1933 in die Nederlinger Straße 6 nach München, wo bereits seine Tochter Else, zu der Zeit noch mit dem Anwalt Dr. Hans Bernstein verheiratet, lebte. Diese Ehe wurde 1937 geschieden, Else Geißmar (sie nahm nach der Scheidung wieder ihren Mädchennamen an) emigrierte mit ihrer Tochter im September 1938 nach New Orleans. Später lehrte sie an der University of Washington. Sie starb am 20. Juli 2004 in den Vereinigten Staaten.

Das Ehepaar Geißmar zog am 01. Juli 1935 in die Prinzenstraße 11, ab 08. November 1940 lebten sie im 1. Stock in der Martiusstraße 8, in einem von der Wohnung von Charlotte Perutz abgetrennten Zimmer. Von da mussten sie am 01. Dezember 1941 in die Massenunterkunft für jüdische Menschen in die Clemens-August-Straße 9 umziehen. Am 25. Juni 1942 wurden die beiden aus München ins KZ Theresienstadt deportiert. Ihre Tochter Martha Klara wurde am 17. Juni 1943 von Berlin auch ins KZ Theresienstadt deportiert.

Mit Elses Schwiegermutter, der Schriftstellerin Elsa Bernstein, verband auch nach der Scheidung das Ehepaar Geißmar eine tiefe Freundschaft. In ihren „Erinnerungen an Theresienstadt“ erwähnt Elsa Bernstein die beiden und ihre Tochter Martha sehr häufig und ausführlich. Über Jakob Geißmars Tod am 17. Dezember 1943 schreibt sie „… Nach einigen Tagen kam Martha. Erzählte vom letzten Beisammensein der Eltern. Zur gewohnten Nachmittagsstunde auch sie an seinem Bett. Leise, freundliche Unterhaltung. Er klagte über nichts, nur diese anhaltende Müdigkeit… Als er verstummte und die Augen schloss, glaubte sie, er wolle ein wenig ruhen, sie rührte sich nicht, ihn nicht zu stören. Geängstigt durch die andauernde Stille suchte sie leise nach seiner herabhängenden Hand – sie war schon kalt. Er war im Schlaf gestorben. An Marthas Arm vermochte sie (die Ehefrau) dem Begräbnis beizuwohnen. Nun war sie verstummt. Die Hälfte ihres Ich war mit begraben worden. Wie von jedem ein Teil, der Vater Geißmar gekannt und geliebt hat. Diesen anspruchslos hochstehenden, heiter gütigen, außergewöhnlichen und schlichten Mann. Vorbei. Erlegen den elenden Zuständen der Unterbringung und Ernährung. Vierundsiebzig war er alt geworden. Gefährliches Grenzalter. Aber er hätte es überstehen können. Und nun – Nicht mehr – Nie mehr …“

Über Elisabeth und Martha schreibt Else Bernstein in ihren Erinnerungen an Theresienstadt 1944, nach dem Bekanntwerden der Landung der Alliierten: „… Frau Wassermann und ich gingen, das unter allen Umständen historische Ereignis Frau Geißmar mitzuteilen. Sie wohnte nicht mehr in der Kaserne, war wegen hochgradiger Blutarmut im Rekonvalescentensaal eines kleinen Krankenhauses untergebracht. Die Behandlung schien anzuschlagen und sie wieder auf die Höhe zu bringen. Sie durfte schon den halben Tag auf sein, konnte, da der Saal ebener Erde, ans offene Fenster kommen. Sie hatte wie immer eine Strick- oder Näharbeit in der Hand. Nachdem sie uns angehört, glitt ein trauriges Lächeln über ihr Gesicht. Wenn mein Mann das noch erlebt hätte…“ 
Über die Weiterdeportation der beiden ins Vernichtungslager  Auschwitz am 12.Oktober 1944 schreibt sie: „… Der Oktober nahm den November vorweg, so trübselig und verdunkelt. Transportgerüchte schlichen umher, bis sie unwiderleglich hart auftraten. Wer mir’s zuerst gebracht, weiß ich nicht mehr, wahrscheinlich Franzi, die so viel unterwegs: Frau Geißmar in den Transport befohlen. Martha hatte sich sofort freiwillig zur Begleitung der Mutter gemeldet. Sie ließen grüßen, hatten nicht Zeit mehr zu kommen, alle Hände voll zu tun, ehe sie in die Sammelkaserne mußten. Seien guten Mutes…“

Elisabeth und Martha galten nach dem Transport nach Auschwitz beide als „verschollen“. Eine Postkarte Marthas, auch mit Grüßen von der Mutter, an ihren Onkel Paul Hirsch in Heidelberg vom Oktober 1944, ist das letzte Lebenszeichen, das von ihnen erhalten ist.

Jakob Geißmar hatte fünf Geschwister, von denen drei vor 1933 verstorben waren. Sein Bruder Friedrich, geboren am 11. Februar 1873 in Mannheim, nahm sich am 28 April 1941 in Saig im Schwarzwald das Leben, seine Schwester, Dr. Johanna, Ärztin, geboren am 07. Dezember 1877 in Mannheim, wurde 1940 nach Gurs und 1942 ins Vernichtungslager Auschwitz deportiert. Sie wurde am 14. August 1942 in Auschwitz ermordet.

Am Graimbergweg 1 in Heidelberg erinnert ein Stolperstein an die Familie Geißmar
(Jakob, Elisabeth, Martha und Else). 

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